Im Spielzeitheft 2014/15 des DNT Weimar

Im Dezember 2013 hast du Jonas Brandt mit dem Stück DEINE HELDEN-MEINE TRÄUME in die Klassenzimmer von Weimar und Umland geschickt. Gab es eine Erfahrung bei dieser Unternehmung, die dir besonders wichtig war?

 

Ja, die gab es tatsächlich. Vom Theater hatte ich die Form und das Thema gestellt bekommen. Also, dass es ein Klassenzimmerstück werden soll, und dass das Thema Rechtsextremismus behandelt werden soll. Bevor ich angefangen habe, Text zu schreiben und mir etwas auszudenken, wollte ich meine Zielgruppe erstmal kennenlernen. Ich wollte wissen, was Kinder und Jugendliche aus Weimar und Thüringen beschäftigt. Was sind ihre Ängste, was sind ihre Träume und Wünsche, welche Superkräfte hätten sie gerne? Solche Dinge. Es war mir auch wichtig, nicht sofort im Vorfeld zu politisieren. Dann kam mir die Idee mit den Fragebögen, ich bin dann für ein paar Wochen hergekommen und mit den Fragebögen in verschiedene Schulklassen gegangen. Außerdem habe ich junge Boxer des Boxvereins interviewt.

 

Das Vertrauen, das mir einige Jugendliche in ihren Antworten entgegenbrachten, hat mich sehr berührt. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist wirklich ein Geschenk.

 

Jetzt arbeitest du an der Fortsetzung der Geschichte von Jonas und seinen Freunden. Weißt du schon, worum es darin gehen wird?

Im Moment (also im Dezember 2013) bin ich noch dabei, mir Fragen zu stellen. Aber es gibt auch schon Konkretes: Es werden natürlich Jonas, Mo und Jessica zusammen auf der Bühne stehen und ihre Geschichte weitererzählen. Sie haben sich wiedergefunden, und das kann im echten Leben, könnte vielleicht aber auch eine abstrakte Ebene wie z.B. ein Chat-Room sein.

 

Gleichzeitig hatte ich schon vor einem Jahr in den Fragenbögen auch nach Superheldenfähigkeiten gefragt. Das ist eine Utopie: Superheldentum. Also, wie kann man sich Mut machen, um gegen die Beschissenheit der Welt anzukämpfen? Wofür lohnt es sich zu kämpfen und mit welchen Mitteln? Wie verteidigen wir unsere Freiheit? Und wie kommt man mit der eigenen Ohnmacht klar? Mit der eigenen Wut auf die bestehenden Verhältnisse.

 

Können sich Mo und Jonas vergeben? Lohnt es sich, für diese Freundschaft zu kämpfen? Kann man einen Vertrauensbruch überwinden? Wie geht Empathie? Wie lerne ich, dass es auch noch die Perspektive des Gegenübers gibt?

 

Man muss aber nicht das erste Stück gesehen haben, um folgen zu können.

 

 Ich stelle mir Fragen zum Jungsein heute. Jede Jugend trägt ja eigentlich die Kraft der Revolte in sich. Neues kommt aus der Jugend, bestehende Verhältnisse werden von ihr in Frage gestellt.

 

Aber heute bleibt der Jugend weniger Raum zur Revolte, weil sie zur Zielgruppe mit Kaufkraft gemacht wurde und bereits fester der Profitmaximierung ist. Es wird jede noch so kleine Regung aufgegriffen und sofort vermarktet. Levi´s Jeans stilisieren sich in ihrem Go-Forth-Werbetrailer zum Ausstatter der Jugendrevolte. Your life is your life heißt es da, und gezeigt werden demonstrierende, vermummte Jugendliche, erfinderische Jungerwachsene, eine kreative, weiße Mittelstands-Jugend. (Was nicht gezeigt wird, sind die vom Indigofärben verseuchten Flüsse in Indien, oder die Textilfabriken in Bangladesch mit ihren unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeitenden jugendlichen Näherinnen, die die Levi´s Jeans für die westliche Revoltejugend zusammenschneidern.) Wogegen soll diese Jugend noch aufbegehren, wenn nicht gegen ihre eigene Vermarktbarkeit.

 

 

Da muss man schon wahnsinnig kreativ und schnell sein, um dem System einen Haken zu schlagen. Das geht digital am besten. Deshalb möchte ich auch digitale Medien in und um das ganze Stück mit einbauen, bevor es Superheldenkostüme bei H&M zu kaufen gibt...

 

Wir brauchen wieder Utopien. Her damit!

 

Kann man mit einem Superhelden-Alter-Ego der Welt anders begegnen? Verändert man die Welt ein kleines bisschen als Captain-KOMO? Ich glaube schon.

Mein Traum wäre ein Superhelden-Flashmob vorm Theater.

 

Du hast dich in deinem Monolog mit der Frage auseinandergesetzt, warum sich jemand mit rechten Ideen identifiziert. Wirst du diese Auseinandersetzung in HELDEN 2 fortsetzen?

 

Das wird sicherlich auch eine Rolle spielen, weil es ja Jonas’ Geschichte ist. Und da Jonas auch im zweiten Stück wieder mit dabei ist, gehört es auch mit dazu. Man kann seine Vergangenheit nicht abschneiden, auch wenn man es vielleicht gerne möchte. Wichtig ist ja zu sehen, ob und wie man damit umgeht. Und sei es nur auf der abstrakten Ebene: Wenn ich ein Superheld wäre, dann würde ich...

 

 Warum schreibst du für Kinder und Jugendliche ?

 

Ja, warum? Hm. Eigentlich bin ich da reingerutscht. Ins Schreiben allgemein bin ich hineingeraten, ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Ich schreibe ja nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Im Herbst 2014 wird mein Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ im Hanser Verlag erscheinen, der richtet sich an Erwachsene. Ich mache da keinen Unterschied beim Schreiben: Ich nehme Kinder und Jungendliche genauso ernst wie Erwachsene. Ich ringe ebenso intensiv um Worte, um Rhythmus von Sprache, um inhaltliche Genauigkeit, um die Liebe zu den Figuren. Als ich Deine Helden - Meine Träume schrieb, gab es einen Punkt, an dem habe ich Rotz und Wasser geheult, als ich die Szene schrieb, in der Jonas erzählt, wie Mo zusammengeschlagen wird. Ich liebe meine Figuren, auch wenn sie Fehler machen und Arschlöcher sind.

 

Außerdem macht es mir Spaß, mit Kindern und Jugendlichen zu tun zu haben. Sie sind die Zukunft und sagen Sachen wie „endlaser“ und „KP (Kein Plan)“ und hören Musik, die ich nicht kenne. Ich lerne viel von ihnen und lasse mich berühren, weil ich neugierig geblieben bin. Und wenn ich sie nebenbei ein kleines bisschen zum Denken anregen kann, macht mich das froh.