Traumtagebuch

Mi

10

Mai

2017

ΟΧΙ

Herr Schäuble, ich hatte einen Traum, von dem ich Ihnen erzählen will.

Ich war auf einer kleinen griechischen Insel: Wunderschön, mit Bergen, Tälern, Dörfern und zwei kleinen Häfen. In einer verlassenen Bergsiedlung traf ich Michalis, einen alten Bauern, der mit einer Sense auf einem Feld Margeriten köpfte.

 

Was machst du da?, rief ich.

Ich schneide Heu für meinen Esel!

Lebst du hier?, fragte ich.

Leben, arbeiten, alles dasselbe.

Me lene Karen. Ich heiße Karen, sagte ich.

Ich heiße Michalis. Wo kommst du her, Karen?

Aus Deutschland, nuschelte ich und wurde rot.

Ah! Aus Deutschland! Michaelis ließ die Sense sinken. Wenn du zurück gehst, nach Deutschland, erzähl dem Schäuble von mir.

Das mache ich.

 

Dann holte er mit dem Fuß aus und schoss einen imaginären Ball, oder machte einen Arschtritt nach, ich kann es nicht genau sagen. Er lachte und zeigte mir seine fünf Zähne.

 

Wir schnitten gemeinsam Heu und legten es zum Trocknen aus. Auf einem weiteren winzigen Acker hackten wir mit einer Spitzhacke Löcher in den steinigen Boden und setzten Wein. Aus einem Loch im Boden, einem Regenwasser-Reservoir, holten wir mit einem Eimer Wasser und gossen es in die Erdlöcher zu den Setzlingen. Michalis schliff seine Klingen und schnitt mir eine Artischoke. Er legte ihr Herz frei und reichte es mir.

 

Gut für die Leber.

Danke. Pelzig.

Ja. Aber gut für die Leber.

Mhm.

 

Wir aßen still im Schatten einer Mauer und mit Blick auf das Meer. Dann lud er mich in sein Haus ein. Es war vielleicht 15 Quadratmeter groß, aus Steinen und Holz gebaut, mit seinen eignen und seines Vaters Händen. Die Mauern bestimmt einen halben Meter dick, gegen die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter. Ein Fenster. Ein Kamin. Ein paar Stühle und Liegeflächen. Eine Truhe. Eine Kerze. Eine Öllampe. An den Wänden Bilder seiner Familie. Zu Neunt haben sie hier gewohnt und abends im Schein der Kerze die Zeitung von vor zehn Tagen gelesen. Kein fließend Wasser. Kein Strom. Kein Gas.

 

Raki?

Ja, gerne.

 

Aus einer Plastikflasche goss er mir in eines seiner zwei Gläser eine trübe Flüssigkeit, und wir tranken auf die Gesundheit, auf seine und auf meine. Und auf das Leben. Und auf die Liebe. Und auf die Lieben.

 

Sag ihm, wir brauchen keine U-Boote und Autos. Sag ihm, wir wollen unsere Würde zurück. Sag ihm, dass ich seit 2011 versuche eine Pension zu erhalten. Ich bin 75 Jahre alt und stehe jeden Tag auf dem Feld. Mein Körper ist noch immer stark, aber das allein reicht nicht. Sag ihm, die Deutschen haben uns zwei Mal gefickt. Im zweiten Weltkrieg und jetzt. Es ist genug, wir sind der Deutschen müde...

 

Er reichte mir Lokuma aus einer alten Blechdose. Und während sich draußen der Tag neigte und der Mond aufging, saßen wir im Flackerlicht der Kerze und teilten, was wir hatten. Die großen und die kleinen Erinnerungen, das Brot, den Käse, den Raki, und das Wasser. Ich war sehr glücklich.

 

Herr Schäuble, ich wünschte, Sie hätten das geträumt.

 

 

So

12

Mär

2017

Die Reise

Ich bin mit der Bahn unterwegs und muss es schaffen, von Weimar nach Hamburg zu gelangen. Beim Umsteigen in Göttingen fällt der Anschlusszug aus. Der erste Folgezug ist so überfüllt, dass es mir nicht gelingt, einzusteigen. Um die Wartezeit zum nachfolgenden Zug zu überwinden, betrete ich den tristen, unterirdischen Schacht, wo die Bahnhofs-Schläger Ditsch, Le Crobag, Asia Hung, Mr. Clou, Nordsee und Balzac Coffee, versuchen mich fertigzumachen. Ich rette mich auf den Bahnsteig, an dem ein ICE hält, in den ich mich gerade noch quetschen kann. Panisch versuche ich rauszufinden, wohin der Zug fährt. Ich habe Glück: nach Hamburg. Auf der Suche nach einem Sitzplatz durchkämme ich Abteil für Abteil, Wagon für Wagon. Ich steige über monströse Koffer, kraxle über Skier, bugsiere mich an Kinderwagen vorbei. Schließlich, in Hamburg-Harburg, kurz bevor ich am Ziel bin,  finde ich einen Platz, der nach warmer Banane riecht. Es  knistert es in den Lautsprechern.

Durchsage: Falls jemand sein Beautycase vermisst, das im Bordrstaurant liegengeblieben ist: Es kann in Wagen Nummer 35 im Serviceabteil abgeholt werden.

Durchsage: Ich korrigiere meine Durchsage. Wer seinen Helm im Bordrestaurant liegengelassen hat: Er kann in Wagen Nummer 35 im Serviceabteil abgeholt werden.

Durchsage: Ich korrigiere meine Korrektur. Wer seine Taucherglocke im Bordrestaurant liegengelassen hat: Sie kann in Wagen Nummer 35 im Serviceabteil abgeholt werden.

Durchsage: Erneute Korrektur der Korrektur der Korrektur, es handelt sich um ein Nordseerobbenbaby, das. Wer seine Robbe im Bordrestaurant liegengelassen hat: Sie kann beim Servicepersonal in Wagen 35 abgeholt werden.

Do

23

Feb

2017

Oh, wie klötert dat ...

Ich steckte mir im Traum 5-Cent Münzen in meine Ohren. Mehrere hintereinander. Es fühlte sich ganz normal an. Dann verstopfte mein linkes Ohr und mein Kopf tat weh. Wenn ich mich bewegte klimperten die Münzen.

Mo

20

Feb

2017

What the ...

Israel wird von Raketen angegriffen, die aus Ägypten abgeschossen werden. Dank eines Abwehrsystems kommt niemand zu Schaden. Die Menschen gehen weiter baden, als sei es das Normalste von der Welt.

Fr

10

Feb

2017

Hafenglitzer

Mit Björk rumgealbert. Wir hatten Glitzersteine im Gesicht, in denen sich das Licht eines Hafens brach.

Mo

06

Feb

2017

Amaranthisches

Postapokalyptische Atmosphäre. Ich kaum noch intakte Straßen. Keine Autos. Die Menschen sind in Clans organisiert. Ich habe einen Beutel voll Amaranth und komme zum Clan meiner Wahl. Den Ältesten bitte ich um Aufnahme und biete das Amaranth an.
Ich sage: "Das hat einen hohen Kilokalorienwert. Damit übersteht man auch lange Märsche im Winter oder eine harte Jagd."
Dann werde ich aufgenommen. Als erstes muss ich im Haus des Clan-Ältesten den Boden schrubben. Ich nehme die Bürste und den Feudel, ich mache die Arbeit. Es ist ruhig in mir.

Fr

27

Jan

2017

Sad!

Im Traum unterzeichnet der Clockwork-Orange-Präsident als Marionette unendlich viele Dekrete. Eine Mauer soll zwischen Mexico und den USA gebaut werden. Zack. Unterschrift. Die Zölle auf mexikanische Güter sollen 20% erhöht werden. Zack. Unterschrift. Illegale Einwanderer sollen ausgewiesen werden. Zack. Unterschrift. Alle Frauen, die keine 9 oder 10 sind, sollen aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden. (Who wants to grab them by their Pussies anyways!?) Kritzelkritzel: Unterschrift. Abtreibungen sollen illegal werden. Zack weg damit: Unterschrift. Medien dürfen nur noch positiv über die Regierung berichten. Befehl. (Who are you? CNN? I know you guys. Fake. You are fake.) Menschen aus sieben muslimischen Ländern dürfen nicht mehr in die USA einreisen, selbst, wenn sie eine GreenCard besitzen. (They are rapists. Terrorists. You know what happened at the Bowling Green Massacre!? You know what happened last night in Sweden!) Den Klimawandel gibt es nicht. Zack. Dekret. (The concept of global warming was created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive.) Der Schmuck der Twitter-Präsidenten-Tochter ist bitteschön ab sofort von jedem Amerikaner zu kaufen. (Nordstrom treated her so unfair! Big loser!)
Der Präsident unterzeichnet und unterzeichnet und niemand nimmt ihm den Stift weg.  Sad!

Sa

21

Jan

2017

Bienenstock

Im Traum saß ich in der Elbphilharmonie in einem Konzert. Einstürzende Neubauten. Das Gebäude war aus Gold und Silber, aus Zucker, Bienenwachs und Brillianten geformt. Der Konzertsaal glich einem Bienenkorb von innen. In der Mitte Blixa Bargeld, die Bienenkönigin, die sich während der 110 Minuten, die das Konzert dauerte, nicht ein einziges Mal umdrehte. Der Sound war mickrig, ein verwaschener Klangsalat, verzweifelt versuchte ich, die Liedtexte zu erkennen, aber es wollte mir nur teilweise gelingen, da der Gesang im Scheppern unterging. Nach dem Konzert trank ich in einer Bar, die den Namen eines berühmten Seeräubers für sich beanspruchte, ein Getränk: Winzigste Portion, größter Preis, und wurde dann, kaum, dass ich ausgetrunken hatte, vom Personal, das übrigens Matrosen-T-Shirts trug und einen auf Kumpel machte, aufgefordert den Ort zu verlassen. Aus ihren Augen schossen Blitze. Auf einer schier endlosen Rolltreppe fuhr ich nach Hause.

Fr

06

Jan

2017

Blade Runnerin

Ich hielt im Traum eine Atombombe in den Armen. So, wie man ein Baby hält. Keine Ahnung, wie die dahin gekommen ist. Ich wusste, dass ich die Bombe entsorgen muss, aber nicht wie und wohin. Also trug ich sie eine Weile mit mir herum und legte sie schließlich behutsam in ein Waschbecken. Dann versuchte ich alle Menschen um mich herum davon zu überzeugen, das Gebäude, die Stadt, das Land schnell zu verlassen. An Stahlseilen hangelten wir uns den Fahrstuhlschacht hinunter. (Seit wann lebe ich oben?) Alles düster, alles tropfend, alles bladerunnerartig. Bin ich eine Replikantin? Nach dem Aufwachen glücklich an der weißen Bettwäsche geschnüffelt.

So

20

Nov

2016

Barak Obama ist Linkshänder

Letzte Nacht träume ich, dass ich an Barak Obama vorbeiging, anhielt und ihm die Hand gab. (Feststellung: Er ist Linkshänder.) Wir sagten uns Gutes, Mutmachendes und aßen dann eine Pizza zusammen. Später im Traum, ich befand mich wohl auf einer Art Tagung in Häusern auf Stelzen, hörte ich, dass Nora Gomringer verstorben sei. Nach dem Auswachen sofort geschaut, ob Nora noch lebt. Zum Glück.

Di

08

Nov

2016

Clockwork Orange

Ich sah, wie ein misogyner Populist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird. Er hatte gelbes Haar, orange Haut und eine helle Panda- oder Panzerknackermaske um die Augen. Er hielt eine Rede mit Stülpelippen und dem Wortschatz eines Teenagers. Die Menge tobte und einer rief „Kill Obama“, aber niemand reagierte. Bis jetzt nicht aufgewacht.

 

Mo

31

Okt

2016

Der Bär

Im Traum einen wilden Braunbären gezähmt, just in dem Moment, als er mich fressen wollte. Er stand auf seinen Hinterbeinen, ich hockte hinter einem behelfsmäßigen Schutz, ein Tisch oder was, und ich wusste, jetzt werde ich sterben. Er war groß und stank widerlichst, er brüllte und dampfte aus dem Maul, als ich mein Vertseck verließ und direkt auf ihn zuging und ihn berührte. (Meine Angst hatte sich plötzlich -im Angesicht des Todes- aufgelöst, mir blieb irgendwie keine andre Wahl als die Liebe.) Ich legte meine Hand an seine Flanke und war ganz ruhig. Und so beruhigte sich auch der Bär, der vorher Türen zerschmettert, Glas zerkratzt, alles abgewehrt hatte, dass ich ihm auf meiner Flucht vor ihm in den Weg gedonnert hatte. Ich fühlte den Herzschlag im massigen Körper. Der Bär war hungrig und geiferte, also ging ich mit ihm zum Kühlschrank. Darin war kein Fleisch, nur Gemüse, Entschuldigung Bär. Aus seiner Perspektive gab das Fleisch ihm Käse. Dann gingen wir raus auf die Straße, der Bär neben mir und ich neben ihm. Duldsam. Respektvoll. Parallel. Nach dem Aufwachen fühlte ich mich stark.